Der Paradiesvogel fliegt nicht mehr

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Sie wollten Paradiesvögeln, Partyabstürzen, Musikmachern, Exzentrikern und Talenten eine Plattform bieten – nun ist Schluss: Diese Woche wird der Szene-Blog „Elektrischer Garten“ eingestellt. Die Macher August und Tina sind einst mit großen Plänen und viel Elan gestartet. Jetzt geben sie auf, weil sie von den Münchnern enttäuscht sind.

„Ich war in München – war schön da.“ Dieser Satz schmückt im Juni den Banner der Facebook-Seite „Things Berliner don’t say“. Dinge, die Berliner nicht sagen würden. Kurze Zeit später teilen die Autoren des Münchner Blogs „Elektrischer Garten“ das Bild auf ihrer Facebook-Seite mit mehr als 3400 Fans und ersten Kommentare wie: „Find ich gut – die sollen ruhig alle bei sich bleiben! Mehr München für die Münchner.“ Oder: „Ich finde es okay. Kenne auch keinen Münchner, der Berlin schön findet.“ Den Gründern des Elektrischen Gartens, die unter den Decknamen August und Tina aktiv sind, haben diese Kommentare die letzte Lust am Bloggen genommen. Diese Woche werden sie ihre Internetseite beenden.

Seit 2012 veröffentlichen sie auf e-garten.tumblr.com Fotos aus dem Münchner Nachtleben, Musik und Veranstaltungstipps und stellen unter der Rubrik „People that should be famous“ in ihren Augen talentierte Münchner vor. Mit ihren Inhalten und Partys im Yip Yab – zu denen sie mit einschlägigen Mottos wie „München ist genauso spießig wie sein Ruf“, „Muschi Obermaier“ oder „Moos hamma“ einladen – haben sie sich in kurzer Zeit einen Namen in der bayerischen Landeshauptstadt gemacht. Am 19. Juli ist aber Schluss. Mit den Partys und dem Blog. August und Tina wollen nicht mehr weitermachen.

„Es geht uns nicht darum zu behaupten, München sei besser als alle anderen Städte! Mit unserem Konzept wollten wir zeigen, dass München cooler ist als viele Leute annehmen. Mehr nicht“, erklärt August und fügt hinzu: „Wir hatten eine Sehnsucht danach, dass unsere Stadt nicht immer als der spießige Verwandte von Berlin dargestellt wird. Wir wollten zeigen, dass wir hier eine eigene Identität haben. Mit eigener Sprache, eigenen Modegetränken und eigenem Musikgeschmack. Aber viele Kommentare unserer Leser zeigen uns deutlich, dass unser Blogkonzept nicht aufgeht.“

Hinter August und Tina stecken zwei junge Münchner, die sich gerne mit ihrer Heimat identifizieren, nicht aber mit übersteigertem Heimatstolz. Ihr Blog spielt mit Münchner Klischees. Die Kunstfiguren August und Tina stellen einen Querschnitt der Münchner zwischen 18 und 30 Jahren dar, zu deren Gewohnheiten es gehört, Augustiner zu trinken, in Biergärten zu gehen, an der Isar abzuhängen und im Nachtleben unterwegs zu sein.

Wir wollten wissen, wie schnell ein Blog wachsen kann“, sagt August. Aufgrund des Massenanspruchs haben sie von Anfang an beschlossen, anonym zu bleiben, sich selbst als Person zurückzuhalten. Die Anonymität vereinfacht aber auch das Beobachten und Beurteilen, aus einer sicheren, schwer anfechtbaren Entfernung. „Wir haben das gemacht, was wir von unserer Stadt lesen wollten“, stellt August klar. „Wir mögen alle Leute, die wir auf unserem Blog gefeatured und fotografiert haben nach wie vor. Das sind alles Menschen, die uns sehr am Herzen liegen, weil sie aus der Masse herausstechen“, bekräftigt August.

Die beiden Gründer haben sich während der Arbeit am Blog ineinander verliebt und sind ein Paar geworden. Ein Grund mehr, warum die Partys und der Blog so langsam in den Hintergrund geraten. „Unsere Businesstreffen, in denen wir uns darüber Gedanken machen, was wir im Blog bringen, die Party planen, Visuals, Flyer und Promo diskutieren, nehmen uns viel private Zeit. Es ist für uns beide schwierig geworden, unsere beruflichen und privaten Ziele mit dem Blog im Gleichgewicht zu halten“, sagt August. „Mit dem Blog wollen wir aufhören, bevor er von selbst einschläft, und mit den Partys, bevor uns die Mottos ausgehen.“

Der Elektrische Garten war ein schöner bayerischer Paradiesvogeltraum. Aber so richtig in ein Klischee wollen junge Münchner dann wohl doch nicht passen. Und vielleicht werden manche von ihnen auch noch den Enkelkindern erzählen: „Ich war auf dem Elektrischen Garten – war schön da.“

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